2 Wochen am Handgelenk: Moto 360 Review

Als man die Moto 360 zur Google I/O offiziell machte, war die Aufregung erst groß. Und dann gedämpft, als klar wurde, dass die smarte Uhr erstmal nicht sofort verfügbar sein würde.

Vor etwa 2 Monaten ging die Smartwatch dann in den Staaten, vor 2 Wochen in Deutschland in den Verkauf.

Ich hatte Glück und konnte uns eine der ersten Moto 360 Exemplare sichern und nach 2 Wochen am Handgelenk ziehe ich ein erstes Resumé. Dabei versuche ich mich so gut es geht auf die Uhr zu beziehen und weniger auf Android Wear, was ein eigenes Thema sein sollte.

 

moto 360 motorola

 

DAS DESIGN

…der Moto 360 ist nicht nur meiner Meinung nach das beste, aller verfügbaren Smartwatches zu diesem Zeitpunkt. Die Uhr ist schlicht im Aussehen, aber gleichzeitig durch das Metallgehäuse wirklich stylisch. (Meine hat noch immer das Lederarmband, mit dem sie kam, wird aber bald um ein metallenes Segment-Armband aufgerüstet.)

An dieser Stelle sollte direkt angemerkt sein: in der schwarzen Variante der Smartwatch sieht man kleinste Kratzer am Gehäuse leider sofort, da die schwarze Farbe nur die äußerste Schicht darstellt. Ich habe mir bereits ein paar kleine eingefangen und ärgere mich ein wenig darüber. Bei der silbernen Version fallen diese natürlich nicht so auf.

An der Seite besitzt die Moto 360 einen kleinen Knopf, der nicht nur dafür genutzt werden kann, die Uhr auf zu wecken oder das Display wieder zu deaktivieren, sondern (und das hat sie der LG G Watch voraus) man kann die Uhr damit komplett ein- und ausschalten. Darüber hinaus wirkt die Smartwatch durch den Knopf noch einmal mehr wie eine „normale“ Uhr. Auf der gegenüberliegenden Seite des Gehäuses sitzt das kleine Mikrofonloch, auf der Unterseite der Pulsmesser.

 

 

DAS DISPLAY DER SCHWARZE BALKEN

Ja, wir kommen direkt zu dem kleinen, schwarzen Balken am unteren Rand des Displays. Er ist da. Und man sieht ihn. Immer. Aber man beginnt etwa nach den ersten 10 Minuten des Benutzens, den Streifen zu ignorieren. Er ist zwar immer noch da, aber er fällt nicht mehr auf, bzw. wird Teil des Displays. Es ist etwas schwierig zu erklären, aber Moto 360 Benutzer stören sich nicht an den fehlenden 30 Pixeln.
Ja, natürlich hat die LG G Watch R ein echtes, kreisrundes Display. Aber dafür hat LG auch einen Preis gezahlt: in Form von Gehäuse. Während die G Watch R um das Display herum einen breiten Rahmen trägt, kommt die Moto 360 mit einem schmalen Rand und ist damit fast ausschließlich Display auf der Front. Und das finde ich sehr angenehm. Außerdem sitzt in diesem Streifen der Helligkeitssensor der Uhr, der Meiner Meinung nach einen guten Job macht und die Helligkeit des Displays passend reguliert. Aber automatische und manuelle Helligkeitsregelungen sind zwei Religionen…

 

DAS DISPLAY

Das Display der Moto 360 kommt, genau wie das der anderen Android Wear Smartwatches mit einer Auflösung von 320 Pixeln (abzgl des schwarzen Balkens am unteren Bildschirmrand 290). Da die Moto 360 aber über ein deutlich größeres Display als die anderen Uhren verfügt, könnte man sich über einen gewissen Grad an Verpixelung streiten. Man sieht es, wenn man nah genug dran ist und vor allem ungünstig durch die Glaskante am Rand schaut. Da die Uhr aber in den meisten Fällen zwischen 30 und 40 cm vom Gesicht entfernt ist, fällt dies meist nicht wirklich auf.
Die Farben des Displays sind ordentlich und die Blinkwinkel sind wirklich gut – was sie auch sein müssen, weil man häufig aus einem steilen Winkel auf die Uhr schaut, um etwa kurz zu checken, was für eine Nachricht eingegangen ist.
Im direkten Sonnenlicht ist die Uhr gut zu lesen – vorausgesetzt die Helligkeit ist hoch geschraubt. Aber dabei hilft in der Regel zuverlässig der Helligkeitssensor.
Ein Feature, das zu Anfang wegen des Akkuverbrauchs etwas in Verruf geraten ist, ist das sogenannte „inaktive Display“ (das im englischen „active Display“ heißt – keine Ahnung, was da schief gelaufen ist), hat sich mir in den letzten Tagen als sehr nützlich erwiesen: Hierbei wird das Display zwar auch, wie im normalen Modus, bei Inaktivität ausgeschaltet, aber die Uhr reagiert deutlich schneller auf Bewegungen des Handgelenks und hält das Display ab einem relativ flachen Winkel bereits in einem abgedunkelten Modus aktiv und das jeweilige Watchface im minimalistischen Design, sodass man ohne extra auf die Uhr zu tippen, den Knopf zu drücken oder das Handgelenk übermäßig stark schütteln zu müssen, die Uhrzeit lesen kann. Dass diese Funktion mehr Akku benötigt, als der normale Gebrauch ist klar, aber zu diesem Punkt kommen wir jetzt.

 

 

 

AKKU

Die Moto 360 ist kein Gerät, dass einen Wochenendtrip problemlos übersteht.
Bei mir gehen viele Benachrichtungen ein: Hangouts, Whatsapp, Email (privat, geschäftlich), Twitter, Google Now… Alle davon bekomme ich auf meine Uhr. Vor allem die Messaging-Dienste arbeite ich gerne auf der Uhr ab. Emails lese ich auch schon mal ganz gerne auf der Moto 360 – antworten kann ich dann ja immer noch – oder eben später. (Ich wüsste gerne, wie die Bildschirmzeit meiner Smartwatch ist, wenn ich sie mit wenigen Prozent in den kleinen Ladesessel platziere, eine App habe ich dafür leider noch nicht gefunden – würde das aber gerne nachreichen.)
Trotz dieser vielen Benachrichtigungen komme ich mit der Moto 360 über 2 Werktage (ohne „inaktives Display“), wobei ich mir die Uhr gegen 7 Uhr anlege und in der Regel ablege, wenn ich abschalte – so gegen 20 Uhr. Denn die Smartwatch soll mir eine Hilfe sein, die Benachrichtigungen meines Smartphones vorher zu sondieren. Wer die Uhr aber anlegt, sobald er das erste Auge aufmacht und erst ablegt, wenn es Zeit für die Haia ist, der wird wohl keine 2 Tage mit ihr auskommen. Aber wenn ich Zuhause bin, habe ich meist Zeit das Smartphone in die Hand zu nehmen und zu schauen, was gerade eingegangen ist – oder ich will eben gerade mal abschalten und dann will ich auch keine surrende Uhr am Handgelenk haben.
Wer natürlich ständig die Smartwatch am Arm haben will und auch, wenn er erst vor 2 Minuten gecheckt hat, wie viel Uhr es ist, es jetzt noch einmal prüfen möchte, und wer auch mit Handy in der Hand noch die Nachricht von Tante Gerda auf der Uhr lesen möchte, um dann von da aus hinein zu diktieren, dass alles tutti ist – der wird die Uhr täglich, bzw. nächtlich laden müssen.
Übrigens eben auch, wenn man die Funktion „inaktives Dispaly“ benutzt. Ich benutze sie, wie erwähnt, seit 4-5 Tagen durchgehend und bin damit zur Zeit sehr glücklich: Ich muss, um mal einen verstohlenen Blick auf die Uhr werfen zu können nichts drücken oder antippen oder eben das Handgelenk über-stark in Richtung Gesicht drehen. Dadurch fummel ich nochmal weniger an der Smartwatch selber herum und die Moto 360 an sich wirkt dadurch noch mehr wie eine echte Uhr und weniger wie ein Zusatzgerät. Das allerdings kommt mit einem Preis, und der heißt eben Akku. Mit „inaktivem Display“ hat die Uhr nach ~13 Stunden noch knapp 35% auf dem Tacho. Genug für noch etwa einen weiteren, halben Tag.
Ich störe mich allerdings auch nicht sonderlich daran, die Uhr abends in ihrem kleinen Sessel zum Laden zu setzen.
Im Gegenteil: so fungiert sie als Nachttisch-Uhr.

Und wenn man abends noch einmal weggehen möchte und sorge um den Akku hat: die Uhr ist in knapp einer Stunde voll aufgeladen, von 0 auf 20 Prozent kommt sie in einer Viertelstunde, das reicht in der Regel nochmal für den Abend.

Ein letzter Punkt, den ich hier anführen muss: die ersten 2 Tage war der Akku richtig, richtig schlecht. Am ersten vollen Tag war die Uhr um etwa 18 Uhr tot, am zweiten hat sie vielleicht eine Stunde länger durchgehalten. Dann hat sich die Akkuleistung aber von Tag zu Tag drastisch verbessert – offenbar braucht die Moto 360 tatsächlich 3-5 Tage um sich einzupendeln. Ich dachte, so etwas gibt es heutzutage nicht mehr.

 

 

 

PERFORMANCE UND SYSTEM

Der letzte Punkt, der angesprochen werden sollte – und hier kommen wir nicht umhin uns mit Android Wear auseinander zu setzen, ist die Leistung, die die Moto 360 an den Tag legt.

Ich kann keine Aussage darüber treffen, wie die Moto 360 vor dem ersten Softwareupdate von Motorola war. Weil ich dieses noch am Abends des Unboxings erhalten habe.

Im Großen und Ganzen bin ich mit der Performance zufrieden. Hie und da legt die Moto 360 kleine Denkpausen von wenigen Millisekunden ein – genug jedoch, dass man es merkt. Die LG G Watch wirkt dagegen im direkten Vergleich in der Regel etwas zuppiger und spricht etwas schneller an, als die Moto 360.

Was kann man da tun? Nun, nicht viel; Motorola hat nun einmal einen Prozessor in der Uhr verbaut, der einige Jahre auf dem Buckel hat. Und wer Moores Gesetzt kennt, weiß dass das tatsächlich etwas Problematisches ist. Nicht nur wegen der Leistungsschwäche gegenüber einem Snapdragon 400 (der in den meisten anderen Smartwatches steckt), sondern auch in Hinsicht auf die Energieeffizienz. Mit einer neueren CPU könnte man aus der Smartwatch eventuell noch 1-2 Stündchen mehr rausholen. Bei Performanceproblemen hat sich aber eine alte Redensart unter Informatikern bewährt: Reboot tut gut. Das gilt nicht nur für PCs (und auch Smartphones!), sondern eben auch für Smartwatches. Hat meine Moto 360 nach 3 oder 4 Tagen mal einen kleinen Hänger – das kommt selten genug vor – , starte ich sie einmal durch und es fluppt wieder.
Gegen diese kleinen Stolperer konnte auch das kürzlich erschienene Android Wear Update auf 4.4W2 nichts ändern. Auch nichts daran, dass die Uhr meinen Puls trotz eng anliegender Uhr nicht messen kann, wenn ich nicht wirklich still halte und warte, noch dass ein einstündiger Besuch im Fitness-Studio mir plötzlich 62.000 zusätzliche Schritte auf dem Pedometer beschert. Aber hier muss auf Googles Seite etwas passieren, dafür kann Motorola nichts.
Android Wear ist leider noch ein sehr frisches Produkt und man fühlt sich manchmal ein wenig wie ein Beta-Tester, wenn zum Beispiel die Musiksteuerung via Smartwatch durch das Update auf einmal eine vollkommen andere ist, oder man noch immer, nachdem man eine Nachricht in Hangouts per Spracheingabe auf der Uhr beantwortet hat noch mal aus der Unterhaltung Heraus swipen muss und sich diese nicht automatisch schließt.
Darüberhinaus merkt man Android Wear an, dass das „kleine“ OS noch nicht so recht auf beide Formfaktoren (rund und eckig) gleich angepasst ist. Fakt ist: es werden in den nächsten Monaten beide Formfaktoren zuhauf in Smartwatches vertreten sein – hier muss das Bedienerlebnis entsprechend angepasst sein.

 

FAZIT

Die Moto 360 von Motorola ist, was die Designfrage betrifft zur Zeit das beste, was man im Bereich Android Wear bekommt. Sie ist elegant und schick und kann als Accessoire zu allem getragen werden (ein Punkt, der vor allem den „Uhr-Teil“ der Smartwatches betrifft).

Im Bereich Performance und Usability steht die Moto 360 hinter anderen Android Wear Smartwatches. Das liegt zum einen am etwas betagten Prozessor der eingesetzt wurde, zum anderen aber leiden alle Android Wear Uhren unter dem noch nicht ganz ausgegohrenen Betriebssystem – hier muss Google einfach noch feilen. Nicht dringend, aber bald.

Wer gerne einmal Android Wear ausprobieren möchte und dafür nicht all zu tief in die Tasche greifen will, ist aber vielleicht besser damit beraten sich eine LG G Watch zu holen, da deren Preis momentan auf Talfahrt ist. Wer weiß, dass er Android Wear haben will und dazu eine gutaussehende Smartwatch haben will und keinen flachen Plastikblock am Handgelenk tragen will, der ist bei der knapp 250€ teuren Smartwatch von Motorola auf jeden Fall richtig.

Wer jetzt schon ganz genau weiß, ohne die Uhr für einen Tag getragen zu haben, dass ihn der Schwarze Streifen am Bildschirmrand stören wird und das gesamte Erlebnis damit verpfuscht, der wartet besser noch ein paar Wochen, bis die etwas sportlichere LG G Watch R auch bei uns in den Verkauf geht.

Ein Kommentar

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: